Die alte mimetische Begabung, Ähnlichkeiten und Entsprechungen entdecken zu können, welche die Kontingenz oft zufälliger und undeterminierter Tatsachen durch Überstrukturierung zu begreifen ermöglichen, ist in die Schriftpraxis hineingewandert. In ihren magischen und mystischen Produktionen bleibt etwas lesbar, das in dem Maße unsichtbar werden mußte, in dem Schrift ihrer "primären" Funktion, gesprochene Sprache zu repräsentieren, unterworfen wurde.
Für ein automatisiertes Lesebewußtsein, dem das Geschriebene primär wie ein durchsichtiges Fenster erscheint, hinter dem es den linearisierten Bewegungen versprachlichter immaterieller Bedeutungen zu folgen vermag, ist es äußerst störend, wenn sich das Geschriebene als solches aufdrängt und die selbstverständliche Leichtigkeit des flüssigen Lesens unterbricht. Aber diese Irritation, die das lesende Auge verwirrt innehalten und auf die Schrift "starren" läßt, kann auch eine Konzentration evozieren, die den Blick auf die Schriftgestalten wenden läßt und sie in ihrer Dinglichkeit zu begreifen sucht.

Geier, Manfred: Sekundäre Funktionen der Schrift. In: Günther, Hartmut; Ludwig, Otto (Hrsg.): Schrift und Schriftlichkeit. Writing and Its Use. Ein interdisziplinäres Handbuch internationaler Forschung. HSK Band 10.1. Berlin; New York: de Gruyter, 1994, S. 681.

eigengrau

beginne zu lesen, indem du nicht mehr auf die buchstaben achtest, sondern nur noch auf den raum zwischen ihnen. pures weiß. der sinn verschwindet, und das darf er. er tritt zurück und lässt das zum vorschein kommen, was jenseits liegt. was bleibt übrig von deinem text, wenn du die semantik negierst? eröffne neue räume, zeige den zeichen, dass sie auch ohne bedeutung ein recht haben zu existieren. die bedeutung kommt immer nur von dir selbst. sie liegt nicht in den wörtern. du weist den zeichen einen wert zu, doch dieser ist austauschbar, er ist voller willkür und beliebigkeit. das ist sprache. sie allein sagt nichts aus. sie sagt nichts. sagt nicht. es bleibt nichts mehr, doch dein denken ist handeln, dein lesen ist die freiheit, die im weiß verborgen ist. und dieses weiß zwischen den buchstaben, dieser neue, offene raum zwischen den zeichen wird dir mitteilen, was die kehrseite des sinns ist. nimm den wörtern ihren wert und beweise, dass du neue welten schaffen wirst. du kannst es. die kreation liegt in der inkarnation, und dein denken löst sich von der gebundenheit durch die sprache. du brauchst sie nicht, wie auch das weiß die buchstaben niemals brauchte. sie waren da, sie sind da, doch das ist unerheblich. lasse deinen blick schweifen über die zwischenräume. du wirst sie sehen. du wirst spüren, wie dein geist sich abhebt von dem gefangensein durch die macht der sprache. diese macht gibt es nicht. sie ist nur in deinem kopf. doch wenn du beginnst, deinen blick auf das andere, das nichts, das nichtzeichen zu richten, wirst du die freiheit haben, den sinn zu zersetzen und neu zu erschaffen. die bilder sind in dir. was siehst du, wenn du die augen schließt? was wirst du hören, wenn die stille dich betäubt? alles ist mitteilung, alles braucht einen sinn, doch er kommt nur aus dir selbst. es ist dein handeln, dein denken, das die welt so sein lässt, wie sie ist. sie ist so. nur so. nur durch dich, und es werden deine zeichen sein, deine räume und zwischenräume. was ist zwischen den räumen? was ist da, wo nichts ist? das entstehen einer position durch negation. frage nie nach logischen zusammenhängen, denn es gibt sie nicht. du konstruierst sie, und du dekonstruierst sie. sie besitzen keine eigene macht. nur wenn du es zulässt. doch warum solltest du? die zeichen sind trotzdem da. sie werden dort sein, zwischen dem weiß. sie werden dasein und warten, dass du ihnen etwas gibst, was sie allein nicht haben. nie haben werden. sie existieren auch ohne dich, und du auch ohne sie. du bist frei, und sie sind nichtsinn, un-sinn. sie lösen sich aus der kausalität, die nur ein schein ist, den eine welt bedingt, die es so nicht geben muss. denn was siehst du, wenn du die augen schließt? was bleibt noch? schöpfe die welt aus der sprache, und lasse das weiß frei. zeige, worauf sich nicht zeigen lässt. lese das, was nie geschrieben wurde, denn darin liegt deine sehnsucht. lerne ein denken ohne sprache.


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